|
English Version: The future Schatzalp: Project Herzog & de Meuron : Schatzalp Tower 
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Schatzalp nichts anderes als
eine wunderbar besonnte landschaftliche Terrasse knapp oberhalb der
Baumgrenze. Hirten brachten im Sommer ihre Tiere zum Futtern hinauf, wenn das Gras im
Tal schon abgefressen war, und sammelten Heu für die kommende Winterzeit.
Auf die Initiative von Willem Holsboer hin wurde im Jahre 1900, zusammen mit
Ärzten und den jungen Zürcher Architekten Pfleghardt und Häfeli, hier oben, hoch
über der im Wachsen begriffenen Stadt, ein Sanatorium für Lungenkranke
eingerichtet. Es war einer der ersten Betonbauten. Im Tal gab es schon einige
solcher Einrichtungen, doch die Lage auf der Schatzalp versprach im Hinblick auf
Besonnung und Aussicht Einmaligkeit. Gleichzeitig bauten sie eine Standseilbahn,
um Menschen und Güter überhaupt auf die Schatzalp befördern zu können, und richteten
eine eigene Strom- und Wasserversorgung ein.

Mit der Erfindung von Tuberkulose-Medikamenten wurden nach
50 Jahren die Davoser Lungenkliniken obsolet, das Sanatorium zum Hotel umgebaut
und von denselben Eigentümern weitergeführt. Aus dem damaligen Operationssaal entstand
ein Schwimmbad, aus dem Röntgenraum ein Rauchersalon. Die Zimmer konnten im
Wesentlichen so belassen werden wie sie waren, denn die tiefen Holzveranden sprechen
auch Hotelgäste an.
Die Schatzalp wurde also von einem Ort für die Kranken
zu einem Ort für die Sportlichen. Durch die Bergbahnen bis hinauf zum Strelapass
konnten die Skifahrer hinüber ins Parsenn-Gebiet und von da aus sogar bis
nach Klosters gelangen.
Heute, nochmals rund fünfzig Jahre
später, zeichnet sich ab, dass das hundert Jahre alte Haus den Anforderungen an
einen zeitgemässen und wirtschaftlichen Hotelbetrieb nicht mehr gerecht wird. Mit rund
93 Zimmern und den heutigen Lohnstrukturen lässt sich ein Hotel der
Luxusklasse nicht mehr betreiben und es fehlen beispielsweise ein Wellnessbereich
oder Seminarräume, welche den Betrieb auch ausserhalb der Saison attraktiv machen.
Damit stellt die Schatzalp keinen Einzelfall dar. Andere Hotels aus der
gleichen Zeit haben solche Entwicklungsschübe ebenfalls geplant oder bereits
realisiert, so zum Beispiel das Hotel Saratz in Pontresina oder das Castell in
Zuoz. Auch dort wurden Zimmerzahlen erhöht, neue Wellness
und Gastronomie-Einrichtungen vorgesehen und Wohnungen zur Querfinanzierung des Hotelbetriebs zugefügt. An
anderen Orten sind diese Versuche, ein Denkmal der Hotelarchitektur des
frühen 20. Jahrhunderts zu retten, leider gescheitert, so zum Beispiel im Falle
des Chantarella oberhalb von St.Moritz - vermutlich aus wirtschaftlichen Gründen. Das soll hier
verhindert werden. Die Erweiterung der Schatzalp hat ihre Rettung zum Ziel.
In welcher Form soll also eine bauliche Erweiterung
auf der Schatzalp geschehen? Und was bedeutet sie für die Stadt
Davos? Der Gestaltungsplan für die Erweiterung der Schatzalp gliedert sich in
drei Teile: Was geschieht im Tal unten? Was mit dem bestehenden Hotel Schatzalp
und seiner unmittelbarer Nähe? Und was auf dem Berg darüber mit den Bergbahnen?
Im Tal unten - in Davos Platz - wird die Station der Bahn
erneuert in einer Typologie der sie umgebenden Stadt. Die Ferien beginnen hier,
der Gast gibt sein Gepäck ab. Es wird eine Vorfahrt geschaffen und
der architektonische Charakter dieses Baus soll einen Vorgeschmack bieten auf das, was Sie
oben in vier Minuten erwartet. Die Talstation und die Kabine sollen in Zukunft nicht
nur die Sprache der Spaziergänger und Skifahrer sprechen, denn es werden mit der
Erweiterung der Schatzalp auch mehr Tagesgäste erwartet, zum Beispiel um eines
der neuen Restaurants zu besuchen.
Und wie wird die Schatzalp erweitert? Herzog und de Meuron schlagen einen Turm an
der Stelle der heutigen Bergstation vor. Die Wahl dieses Bautypus mag auf den
ersten Blick erstaunen oder gar utopisch wirken. Untersuchungen
aller möglichen Bebauungsformen haben zum Schluss geführt: es darf hier oben
keine Siedlung mit Ferienhäusern entstehen, kein neues "Quartier" von Davos, wie
das an anderen Orten in den Bergen geschehen ist, wo Dorferweiterungen oft
in ähnlicher Typologie wie im Unterland entstanden, wo 3-, 4- oder
5-geschossige Mehrfamilienhäuser entlang von Quartierstrassen die Landschaft verbrauchen.
(Ob dies nun architektonisch gesehen im "Heimatstil" oder in der Art der
"neuen Schweizer Sachlichkeit" geschieht ist vorerst nicht einmal von Belang). Es
darf aber auch nicht eine Ansammlung von wenigen grossen Häusern entstehen, die
dann Schatzalp-Ville oder Davos 1860 m.ü.M heissen könnte, nach dem Vorbild
französischer Wintersportorte.
Der Vorschlag ist also, nur ein einziges neues Haus hinzuzufügen.
Der Turm geht sparsam mit dem Boden um, lässt die Landschaft unberührt und
erspart lange Erschliessungswege. Er steht dort wo heute auch schon Bauten stehen.
Die Flanke oberhalb des Hotels bleibt, was sie heute ist: Eine grosse Spielwiese
mit einer Schlittelbahn und Skipisten. Der Turm ist eine ökologische Bauform:
Die Konzentration der Baumasse in einem einzigen, kompakten Baukörper minimiert
die Oberfläche und damit den Energieverlust und es sind keine aufwändigen
Infrastrukturbauten notwendig für Strom- und Wasserversorgung und keine neuen
Strassen. Die Nähe zum bestehenden Hotel schafft kurze Wege für die Nutzungen im
Turm, die auch von den Hotelgästen genutzt werden sollen, ohne dass direkt an
das Denkmal herangebaut wird.
Für die Hotelzimmer und die Wohnungen bedeutet der Typus Turm: Es ensteht
kein Vorne und kein Hinten, alle Seiten haben eine grossartige Aussicht.

Zur Form des Turms und seiner Materialität können wir heute, im Stadium
des Gestaltungsplanes, erst ein paar grundsätzliche Aussagen machen: Es soll
nicht eine anonyme, prismatische Glasarchitektur entstehen. Die Hülle soll nicht
glatt erscheinen sondern tief, ähnlich wie im bestehenden Hotel werden Balkone
oder andere Aussenräume der Wohnungen und Zimmer eine tragende gestalterische
Rolle spielen, ob aus Holz oder eher mineralisch wissen wir noch nicht. Erste Versuche
von räumlicher Organisation haben wir mit schneeflockenartigen Grundrissen
unternommen, was durch Verdrehung derselben zu einer interessanten räumlichen
Fassade führte. Wir wollen einen Turm bauen, der seine Lage in den Bergen,
das Klima und die Nutzung als grosses Ferienhaus reflektiert -
strukturell und in seinem Ausdruck.
Das bestehende Hotel wird den Charakter behalten, den es heute hat. Es wäre eine
Dummheit, den etwas verstaubten aber charmanten Brand Schatzalp durch einen "hypen"
Neuen zu ersetzen - etwas frischen Atem verträgt er jedoch, was in
diesem Winter bereits geschehen ist, wenn auch erst als Übergangslösung bis ein
Gesamtkonzept für die Renovierung vorliegt. In erster Linie werden wir uns zu den
erdgeschossigen Sälen und Salons Gedanken machen und das Schwimmbad durch ein
grösseres Wellnessangebot ersetzen, dessen Lage (im Turm? Zwischen bestehendem
Hotel und Turm?) jedoch noch nicht definiert ist. Die Personal-Mansarden, die
auf dem Dach an exquisitester Lage zu finden sind, werden durch Suiten
ersetzt.
Ziel ist es, die Bahnen oberhalb der Schatzalp bis zur Fertigstellung des Turms
ebenfalls dem heutigen Standard anzupassen und wieder in Betrieb zu nehmen.
Diese Bahnen sind einer der Aspekte, die einen Aufenthalt auf der Schatzalp
im Winter so besonders machen: Dass man mit seinen Skiern bis vor’s Haus
fahren kann, obwohl dieses so abgelegen liegt. Dass diese Bahnen aber schwer
rentabel zu machen sind leuchtet in Anbetracht des ohnehin schon riesigen
und attraktiven Skigebiets Klosters/Davos ein. Nicht nur das Denkmal Schatzalp,
sondern auch die Bahnen werden von den neuen Nutzungen im Turm
quersubventioniert.

Das Gesamtkonzept für die Erweiterung und damit die Rettung der Schatzalp ist ein
wagemutiges Unternehmen - so wie es die Schatzalp selbst vor hundert Jahren
auch war. Die Architektur, die dort entstehen wird, drückt dies aus. Der Turm
ist aber auch ein neues Wahrzeichen für Davos, welches mindestens einmal im Jahr
der Weltöffentlichkeit vor Augen führen wird, dass es sich hier nicht um ein
idyllisches Bergdorf, sondern tatsächlich um eine Stadt in den Bergen handelt.
Dazu kommt, dass Davos ja bereits in den späten 80er-Jahren mit dem Bau des
Kirchner-Museums erkannt hat, dass sich Offenheit für herausragende Architektur
auszahlt. Davos kann mit der Realisierung dieses Projekts Interesse weit über
die schweizer Grenze hinaus wecken, und das muss es auch.


© Herzog & de Meuron, Februar 2004
Die Entstehung des Projektes 'Turm Schatzalp' wurde vom Davoser
Dokumentarfilmer Jöri von Ballmoos in einem 30 Minuten dauernden Film
festgehalten. Die DVD kann zum Preis von Fr.28.-- (+ Versandkosten) bestellt
werden bei: info@schatzalp.ch
Cover der DVD 'Der Turm zu Davos' von Jöri von Ballmoos (PDF-Format, 553
kB)
|