30 Jahre Alpinum

Blaue Geranienfelder beim Eingang zum Alpinum

Neue Zürcher Zeitung, 08.08.2002, Nr. 181, S. 53

Botanische Kostbarkeiten in duftenden Wiesen
Dreissig Jahre neues Alpinum Schatzalp in Davos


1968 stürzte eine Lawine das Gugggerbachtäli oberhalb des altehrwürdigen Berghotels Schatzalp hinunter und riss den ganzen Wald mit sich. Statt einfach wieder aufzuforsten, beschlossen einige weitsichtige Pflanzenliebhaber, auf den offenen Bergmatten einen Alpengarten anzulegen. Sie liessen sich dabei von dem ursprünglich unmittelbar vor dem Hotel gelegenen alpinen Garten anregen, der dort zur Unterhaltung der Gäste aus aller Welt 1907 angepflanzt worden war. 1972, vor nunmehr dreissig Jahren, wurde das neue Alpinum Schatzalp eröffnet. Sein Begründer, der Schaffhauser Arzt Hans Lichtenhahn, sorgte zusammen mit den beiden renommierten Staudengärtnern Max und Hans Frei aus dem zürcherischen Weinland für die Bepflanzung des Alpinums, das nicht ausschliesslich der einheimischen Flora vorbehalten ist, sondern Pflanzen aus dem ganzen Alpenraum und den Pyrenäen, ja selbst aus der Himalajaregion zeigt. "Wir wollten die Blaugraswiesen des Guggerbachtälis mit botanischen Attraktionen anreichern", erzählt Hans Frei, der bis heute die Verantwortung für die Bepflanzung des Gartens trägt.

Markierte Rundtour...

Wie alle Gärten verändert sich auch das Alpinum ständig, seine Ausdehnung erweitert sich, neue Teile werden angelegt. So wurden vor drei Jahren im Eingangsbereich mehr als tausend Storchenschnäbel gepflanzt, die jetzt in herrlichen Farbtönen, vom tiefsten Dunkelrot bis zum lichtesten Blau, leuchten. "Wir möchten das Wuchsverhalten der Geraniengewächse testen, die in der Höhe viel besser wachsen als im Flachland", meint Frei. Eine markierte Rundtour führt über Wege und Treppen entlang des rauschenden Guggerbachs durch den weitläufigen Garten. Pflanzfelder und Steingruppen mit ausgewählten Gebirgspflanzen sind eingestreut in grosse Flächen der angestammten reichhaltigen Flora des Schatzalp-Gebiets, die zusammen mit der etwas höher gelegenen Flora auf der Strelaalp zu den interessantesten der Gegend um Davos gehört. Nelken, Bärtige Glockenblumen, Knabenkräuter sowie verführerisch nach Vanille duftende Männertreu und Weisszungen, zwei Orchideenarten, wechseln sich ab mit sattgelben Arnika, blauen Lupinen und mit Hauswurz- und Steinbrecharten. Auf einem neu angelegten Enzianfeld sind blühende hohe Gelbe und Purpurenziane zu sehen. Mit ihren schön gezeichneten, grossen Blättern und den imposanten Blütenkerzen stehen die Enziane stramm wie Soldaten im Feld. Über die heimischen Pflanzengesellschaften können sich die Besucher auf schön gestalteten Tafeln informieren und erfahren so beispielsweise, dass die Quellflur des Sumpftälchens aus dem filigranen Wollgras, der leuchtend blauen Sibirischen Schwertlilie und verschiedenen Knabenkräutern besteht.
Neben den Enzianen und Geraniengewächsen möchte der Verein der Freunde des Alpinums Schatzalp, der für den gärtnerischen Teil der Anlage besorgt ist, in naher Zukunft eine Edelweisssammlung anlegen. Auch amerikanische Bergpflanzen, wie etwa der Bitterwurz, und verschiedene Weidenarten stehen auf der Wunschliste.

Dr. Vogels Heilpflanzengarten im Alpinum Schatzalp

Der weitläufige Garten bietet genug Platz für die unterschiedlichsten Experimente, zu denen auch der 1995 eingerichtete Heilpflanzengarten des Kräuterunternehmens von Dr. Alfred Vogel gehört. In holzgefassten Beeten gedeihen dort von Artemisia über Echinacea und Silbermantel bis zu Thymian und Tausendgüldenkraut die verschiedensten Heilpflanzen. Mit ausführlichen Beschreibungen wird auf ihre Verwendung und ihre Wirkstoffe hingewiesen, etwa dass das Tausendgüldenkraut Verdauungsbeschwerden lindert und die begehrten Bitterstoffe des Gelben Enzians in dessen Wurzel zu finden sind. Der von einem unregelmässigen Holzzaun gefasste, hübsch angelegte Garten erinnert an einen klassischen Bauerngarten. Klimatische und ästhetische Kriterien bilden die Grundlage für die Zusammensetzung der einzelnen Pflanzengruppen im Alpinum, das auf gut 1900 Metern über Meer liegt und zum Berghotel Schatzalp gehört.

...und "Davoser Alpentour"

Eingebettet in eine imposante Schlucht und gerahmt von einem Wasserfall, bietet das Alpinum neben den Pflanzenschätzen eine unvergleichliche Aussicht auf die Gebirgsketten der gegenüberliegenden Talseite. Wer durch den Besuch des Alpinums Schatzalp so richtig auf den botanischen Geschmack gekommen ist, kann vom oberen Ausgang aus die "Davoser Alpentour" erwandern, einen etwa drei Stunden dauernden angenehmen Rundweg über die Podestatenalp, Lochalp, Erbalp und Stafelalp bis hinunter nach Frauenkirch. Felder mit wogenden Arnika, Wollgräsern, Alpenrosen und Enzianen sorgen für botanische Höhepunkte. Der Weg führt über üppige Sumpfwiesen, sprudelnde Bäche, durch Trockenpartien und karge Felslandschaften. Auf der kleinen Erbalp können sich die Wanderer mit ausgezeichnetem Apfelstrudel und Holunderblütensirup stärken, den eine freundliche Südtirolerin dort während der Sommermonate kredenzt.

Suzanne Kappeler
© Neue Zürcher Zeitung AG

Lesen Sie den NZZ-Artikel: Wanderung durch Kirchner-Landschaften - Zwischen Strelapass und Stafel


 
Livecam 09:23
  drucken