Es geht in den Botanischen Gärten um mehr als nur Schönheit!

 

Liebe Freunde des Alpinums, liebe Leser!

Seit dem 6.6.2020 haben die Botanischen Gärten in der Schweiz wieder geöffnet. So auch wir.

Wir sind ein privater Botanischer Garten. Das ist ein grosser Unterschied zu Universitätsgärten oder städtischen Gärten und Parkanlagen. Neben den pflanzlichen Belangen sind bei uns Entspannung und Entschleunigung der Besucher, Achtung und Respekt vor dem Leben, Wissen, Freude, Förderung der Neugier, Wohlbefinden, usw. weitere Ziele. Das alles und noch mehr finden wir in allen Gärten mehr oder weniger, mit verschiedenen Aufgaben für die Gärtner. Aber in einem privaten Garten mit anderen Strukturen, als in besagten universitären oder städtischen Anlagen. Das ist nicht wertend gemeint! In jedem Garten kristallisiert sich eine Art Handschrift heraus. Wer diese lesen kann, oder sich bemüht, sie zu hinterfragen, kann erst die Feinheiten erkennen und vielleicht in manchen Fällen auch nachvollziehen, oft aber auch nur fühlen oder erahnen. Die Philosophie geht bei uns immer von der Pflanze aus. Vom einzelnen Individuum, das zusammen mit weiteren Pflanzen funktionierende Vegetationsflächen bildet. Dazu brauchen wir Wissen, Erfahrung, Mut und auch einen gewissen experimentellen Geist. Hinzu kommt natürlich auch immer die individuelle Lage der Gärten.

Wir sind ein Alpengarten und unterliegen den Gesetzmässigkeiten der Höhe, ganz so, wie die Pflanzen in den Bergen den Naturgesetzen unterliegen.

Ich möchte Euch heute zum Beginn der Saison ein wenig über unsere Philosophie und unsere Einstellung zu Garten und Pflanzen, aber auch über die Verhaltensweisen der Hominiden, also von uns Menschen berichten. Ein wenig mit Humor und dennoch kritisch und nachdenklich.

Gerade jetzt, in den Zeiten der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, wie wichtig doch die Botanischen Gärten für die Bevölkerung sind.

Die Sehnsucht nach ‚’Grün“, nach gesunden Nahrungsmitteln, Sicherheit und Geborgenheit ist so gross wie schon lange nicht mehr. So beginnen vielerorts die Menschen auch in den Städten wieder zu gärtnern. Das Interesse steigt.

Wissen, gepaart mit der Freude und der Notwendigkeit, einen wesentlichen Teil der Grundlagen des Lebens, nämlich die Pflanzen und deren Bedürfnisse zu verstehen, birgt und bringt uns neue und tiefere Sicherheiten.

An Sicherheit mangelt es in heutiger Zeit auf vielen Ebenen. Die wenigsten haben das erkannt. Dennoch sind die Wünsche tief in uns verborgen (vielleicht sollte ich verschüttet schreiben?). Es gilt, diese Wünsche individuell freizulegen, auszugraben oder aufzuwecken!

Viele der bei uns auf der Schatzalp natürlichen gärtnerischen Grundlagen kennt ein Grossteil der Mitbürger oft nicht oder lediglich aus industrieller oder designter Ansicht! Oft vorgekaut, portionengerecht abgepackt, pauschalisiert und mit aufbauschenden Überschriften versehen. Unser Garten enthält zwar gewisse Showelemente, dennoch ist das Hauptziel, dass er „funktioniert“, immer mit der Gewissheit, dass er ein Kunstwerk auf Zeit ist ( wie alles, was wir Hominiden entwerfen). Wer nur designt und nichts von den Grundlagen des Lebens versteht, wird schneller scheitern und an seine Grenzen kommen als die Person, welche die Analogien der natürlichen Grundlagen verknüpfen kann. Ein Thema, das unserer Gesellschaft zu schaffen macht und an Wichtigkeit kaum zu überbieten ist! Und das, ohne einem Grossteil der Gesellschaft bewusst zu sein, die meisten Leute haben es bisher noch nicht realisiert. So kritisierte beispielsweise letztens eine Journalistin, neben andern gegebenen Dingen auf fast 2000 m ü M, dass ja noch nicht viel blüht und Pflanzen am Boden liegen. Die Erklärung war einfach, es hatte tags zuvor 20 cm nassen Schnee gegeben… Der war zwar inzwischen kaum noch zu sehen, da wieder zu Wasser geworden, aber die knospenden Pfingstrosen lagen noch am Boden. In unserer Höhe blühen bis zur Schafskälte Pflanzen, welche im Tal bereits im März / April ihre Blüten öffnen. Bei uns startet die Saison im Mai und das grosse Blühen beginnt jetzt erst! Es ist eine kurze, aber heftige Saison in den Bergen. Dafür blühen dann viele Gattungen gleichzeitig, nicht so sehr gestaffelt wie im Tal, sondern explosionsartig. So treffen sich Paeonien, Papaver und Hemerocallis mit Iris und vielen anderen Schönheiten.

Aber, es geht in Botanischen Gärten um mehr als nur um Schönheit!

Es geht auch um mehr als um einen Freizeitpark, durch den man um kurz Luft zu schnappen spazieren oder plaudernd flanieren kann.

Die „Gärten‘‘ bieten den Menschen an, sich immer wieder neu zu erden, in vielerlei Hinsicht und sehr individuell. Da wird von der Evolution bis zum Küchenkraut auf dem Teller berichtet. Es wird von der Bestäubung und den Zusammenhängen in der Insektenwelt erzählt. Oder vor „Invasiven Neophyten“ gewarnt und die Artenvielfalt gepriesen. Die Themen sind so komplex wie die Natur selbst und so tief wie die Neugier der Menschheit.

Aber auch die Gärtner Botanischer Gärten vergaloppieren sich ab und an. Es gibt auch unter ihnen unterschiedlichste Auffassungen und Meinungen. So werden mir die Neophyten oft viel zu negativ dargestellt! Unser Verhältnis zu Pflanzen ist immer sehr individuell, unsere Sichtweise meistens egoistisch geprägt oder antrainiert. Wir leben mit Pflanzen im ‘‘Haben‘‘ um es mit Erich Fromm zu sagen. Wir wollen besitzen. Und was stört, muss weg. Bedenkt bitte einmal, dass die Pflanzen nicht anders können als das, wofür sie da sind! Sie haben ihre wunderbaren Aufgaben im Naturhaushalt durch Anpassung an Standorte erworben. Wir Menschen sind es doch, die sie falsch einsetzen, verschleppen oder anderweitig nutzen. Wir haben so unsere anerzogenen Verhaltensweisen. Da wird Erde als Dreck definiert, oder Laub aus den Beeten geharkt, obwohl es dort eigentlich hingehörte.

Und im Übrigen: ,, Ein Weg ist ein Weg und da hat weder etwas am Wegrand zu wachsen, noch hineinzuragen‘‘. So oder ähnlich empfand es wohl der Radfahrer, der einen in den Weg ragenden Ast kurzerhand abbrach, weil ihm unverschämterweise, der Regen vom besagten Ast auf sein Haupt tropfte. Oder da haben wir das Frauchen, das die Hinterlassenschaft ihres Hundes fein säuberlich im Plastikbetel an den Wegrand deponiert. Und dann noch erstaunt fragt: ,, Ach, wird das nicht abgeholt? ‘‘ Solche und viele weitere Beispiele können wir Gärtner aufzählen und ich wundere mich immer wieder über die Unbedarftheit vieler Mitbürger.

Ohne Pflanzen wären wir nie entstanden, es geht uns nur mit Pflanzen gut! Doch warum handeln wir nicht dementsprechend? Warum kaufen wir ‘‘vergewaltigte Massenware’‘, schnell und industriell produziert, anstatt mit Liebe und Geduld kultiviert? In Eingangshallen von Super- und Baumärkten aufgestellt und oft schon zum Tode verurteilt, bevor sie überhaupt gepflanzt wurden? Zudem meistens in impotenten, künstlichen Industriesubstraten? Man könnte hier noch weiterfahren, ich kratze bloss an der Oberfläche… Die Konsequenz ist, dass die kleinen, noch „wissenden“ Gärtnereien zu Grunde gehen. Oder wenn sie überleben wollen, indirekt gezwungen werden, es den grossen gleich zu tun, also ‘‘industrielle Ware‘‘ anzukaufen und wieder weiter zu verkaufen, statt artgerecht gezogene Pflanzen zu kultivieren. Mit dem Ergebnis, dass viele der Sortimente in den Gärtnereien gleich aussehen. Pflanzen werden gehandelt wie Knöpfe oder Nudeln aus dem Supermarktregal. Warum? Weil wir es nicht mehr wissen, oder nie wussten? Weil wir in eine Zeit hineingeboren wurden, in der die Gesellschaft andere Werte vorzieht?

Es ist den meisten Menschen tatsächlich nicht bewusst! Sie sind erstaunt oder empört, so etwas zu lesen oder zu hören. Oder sie tun es als ‘‘Grüne Spinnerei‘‘ ab, als Ideologie.

Wir bieten auf der Schatzalp alternative Einstellungen und Grundlagen dazu! Auch darum geht es uns! Um Grundlagen und einen Einstieg in das artgerechte Gärtnern zu finden. Das Wort ‘‘artgerecht‘‘ kennen die meisten aus der Tierhaltung. Nun auch noch bei Pflanzen? Ja, denn schliesslich hat jede einzelne Art unterschiedliche Ansprüche! Natürlich gibt es Pflanzen mit einer grossen Standortamplitude. Wir können sie auch behelfsmässig zusammenfassen und in etwas übersichtlichere Gruppen ordnen. Wie Schatten und Sonne, trocken oder nass, auf Kalk oder im sauren Milieu. Dennoch hat jede Art sich an unterschiedlichste Standorte angepasst und stellt entsprechende Ansprüche, um optimal wachsen zu können. Diese Komplexität macht vielen Menschen zu schaffen. Artgerecht zu arbeiten ist jedoch der gesündeste Einstieg überhaupt ins Gärtnern. Und wohl der sich selbst erklärendste, wenn man denn die nötigen Grundlagen verstanden hat. Diese müssen natürlich auch in die Praxis umgesetzt werden. Und darauf kommt es an. Schon Karl Foerster sprach beim Staudengarten vom Garten des intelligenten Faulen.

Lernend, sorgsam, liebevoll, achtsam im Umgang mit Pflanzen, Natur und Menschen gleichermassen. Dabei stehen die Pflanzen ganz weit vorne. Es ist wichtig zu wissen, dass der Garten eine Kulturstätte ist und bleibt. Auch wenn wir ihn natürlich anlegen. Der Garten ist also keine Natur, wir unterliegen aber auch in ihm den natürlichen Gesetzen. Das ist ein Unterschied! Bezieht man das Ganze einmal auf uns Menschen, kommen mir folgende Gedanken.

Es ist ein Unterschied, sich mit Respekt, Achtung und Wissen vorsichtig und zurückhaltend in Natur und Garten zu verhalten und zu geniessen, statt sich selber grölend, vielleicht auf dem Bike, in der Natur zu geniessen, Steintürmchen zu bauen oder eine Wand anzuschreien um das Echo zu hören und dabei die Steinböcke zu verjagen.

Wir Menschen definieren und verstehen meistens alles allein aus unserer Sicht. Wir wollen uns profilieren, zeigen was wir können. Die Gewinnmaximierung steht an erster Stelle, wir werden so erzogen! Ja, sogar von unseren erfundenen künstlichen Systemen bestraft, wenn wir anders denken oder gar handeln. Die Schwarmdummheit ist das Gegenteil der Schwarmintelligenz.

Hier im Botanischen Garten ist das artgerechte Gärtnern unsere Grundlage, nur so ist es uns möglich, mit unserer kleinen Belegschaft eine fünf Hektar grossen Anlage mit über 5000 Arten und Sorten verschiedenster Pflanzen aus der ganzen Welt am Leben zu halten, zu renovieren und weiter auszubauen. Das braucht Geduld und dazu gehört auch, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun. Gärtnern in Raum und Zeit! Die Vielfalt ist wichtig, im übrigen auch unsere eigene! Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Das Gärtnern kann durchaus eine Lebensphilosophie sein, die erklärender und tragender ist, als alle politischen Richtungen und Religionen dieser Erde zusammen!

Die Grundlage für die Vielfalt des Gärtners sind die Pflanzenkenntnisse. Das ist nach der Leidenschaft, die mit dem Erfolg wächst, der Einstieg. Einfach anfangen, ist ein guter Beginn!

Während den Begehungen unserer Gärten sprechen wir auch solche Themen an, zeigen unsere Artenvielfalt, beantworten Fragen und geniessen die Gartenkultur. Wir sind begeisterte Jäger und Sammler, neugierig und glücklich. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb die Corona-Pandemie uns Gärtner nicht so sehr persönlich berührt. Wir ziehen uns in unsere Gärten zurück oder haben diese selten verlassen. Wir kennen die natürlichen Vorgänge in der Natur (zu der auch Viren gehören) vielleicht ein wenig besser. Wir haben unseren Garten und wir wissen, es kann besser sein, etwas Abstand zu halten und seinem Gegenüber nicht zu sehr auf die Pelle zu rücken. Und dies zu respektieren! Es gibt neben giftigen auch phototoxische Pflanzen, die man nicht unbedingt knuddeln sollte.

In diesem Sinne bitten wir deshalb, unsere Pflanzen nicht zu berühren. Pflanzen brauchen unsere Berührungen nicht. Aber wir brauchen die Pflanzen!

Nun freuen wir uns sehr auf unsere Gäste, auf die Fragen, Antworten und darauf, unsere Erfahrungen weiter zu geben. Auf die Blüten und Duftexplosionen, auf die Kreativität, die Neugier, die Individualität, das Leben. Was für ein Privileg!

Und ganz besonders freuen wir uns natürlich auf unser Botanisches Wochenende.

Verfasst von Klaus Oetjen / Gartendirektor der Schatzalp seit 2004

 
 
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